Dienstag, 4. Februar 2020

CHF 50 | 30.-

19:30 Eglise de Rougemont

Giuseppe Tartini (1692-1770)
Sonate pour violon en sol mineur «Le Trille du Diable»
Larghetto affettuoso | Allegro | Andante – Allegro – Adagio

Salvatore Sciarrino (1947)
6 Caprices pour violon seul
Vivace | Andante | Assai agitato | Volubile | Presto | Con brio

Luciano Berio (1925-2003)
Sequenza VIII pour violon seul

Niccolò Paganini (1782-1840)
Caprices pour violon seul op. 1:
n° 1 en ré majeur (Andante) | n° 6 en sol mineur (Lento) | n° 17 en mi bémol majeur (Sostenuto – Andante) | n° 9 en mi majeur (Allegretto) | n° 24 en la mineur (Tema e variazioni)

Sous le patronage de

Présentation de concert

Tartini: Violinsonate in g-Moll, «Teufelstrillersonate»
Ähnlich wie Bachs Chaconne, die zur selben Zeit entstand und von der sie mitunter einige Akzente zu entleihen scheint, lotet Tartinis Sonate die Klanggrenzen der Geige aus – genauso wie die Grenzen des Virtuosen, der sie interpretiert. Ihr Beiname, Teufelstrillersonate, geht auf eine Legende zurück: Der barocke Komponist soll geträumt haben, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und ihm dann seine Geige überlassen, um zu sehen, was er damit anfangen würde. Doch wie gross war sein Erstaunen, als der Dämon «mit vollendetem Geschick eine Sonate von derart erlesener Schönheit spielte, dass seine «kühnsten Erwartungen übertroffen wurden». Hingerissen, sei Tartini aufgewacht, um die vorliegende Partitur zu schreiben, doch sie blieb «so weit hinter dem zurück, was er im Traum gehört» hatte, dass er am liebsten seine Violine entzweigebrochen und die Musik für immer aufgegeben hätte. Seien wir nachsichtiger. Das 1713 entstandene Werk nimmt, mit beinahe einem Jahrhundert Vorsprung, Paganinis Experimente vorweg. Auf den ergreifenden, lyrischen ersten Satz folgt ein teuflischer Tanz, der für den Violinisten etwa dieselbe Herausforderung bedeutet wie der 400-Meter-Hürdenlauf für den Leichtathleten. Das Finale ist das Herzstück: Die besagten Triller (die schnelle Oszillation zwischen zwei nebeneinanderliegenden Tönen) mehren sich, je weiter man in einen schwindelerregenden Mahlstrom vordringt. Ungeachtet des Traums, besitzen diese Triller tatsächlich eine einzigartige Färbung. Wer sie einmal gehört hat, vergisst sie nicht mehr. 

Sciarrino: Sechs Capricci für Violone solo
Zweieinhalb Jahrhunderte später, im Jahr 1976, führt Sciarrino die von seinem Landsmann begonnenen Experimente weiter, und zwar mit sechs von der Kritik geadelten Capricci. In der Umgangssprache sind «Capricen», oder Launen, den Kindern eigen und bezeichnen eine Neigung zu Anfällen der Begeisterung, flüchtigen Wünschen und häufig wechselnden Absichten. In der Musikwissenschaft ist ein «Capriccio» ein Werk in freier Form. Frei ist auch die Art, wie man es aufnimmt: Liebhaber von Reptilien etwa hören darin die Agonie einer Maus, die von einer Schlange erdrosselt wird; Sauberkeitsfanatiker eine flache, sehr glatte Oberfläche, die immer und immer wieder abgerieben wird; Italienspezialisten die Dürre des sizilianischen Bodens; Oberästheten «die Brutalität der früheren Kriege, die exzentrische Anamorphose des Barock». Und manche sogar «ein geschärftes Bewusstsein für die Klang-Ökologie». Nur Taube hören nichts darin. 

Berio: Sequenza VIII für Violine solo
Im gleichen Jahr wie die Capricci von einem Pionier zeitgenössischer und elektroakustischer Musik komponiert, weist auch dieses Werk Anklänge an eine Chaconne auf. Nicht ohne Grund: Die Sequenze, zu denen sie gehört, wollen – laut dem IRCAM – «eine Porträt-Skulptur» des Instruments und des jeweiligen Interpreten entwerfen, inspiriert von «der Geschichte der Instrumente und ihrem Repertoire». So ist jede Sequenza für ein gewisses «Paar» bestimmt: Mensch-Klavier, Mensch-Flöte, Mensch-Harfe … Bis zum letzten Paar: dem Menschen und seiner eigenen Stimme. Es handelt sich um die Sequenza III, für die Sängerin Cathy Berberian bestimmt, die erste Frau des Komponisten, der «die Spielweisen jedes Instruments bis zu ihren Grenzen ausloten» will. Und dabei von seinen Musikern eine vollkommene Virtuosität verlangt

Paganini: Capricci für Violine solo, Op. 1
Mit diesen 1819 veröffentlichten Capricci von Paganini schliessen wir unsere Tour d’Horizon über die Möglichkeiten der Violine ab. Genau wie Tartini oder Berio, hat der «grösste Geiger aller Zeiten» erkannt, dass die Erforschung des Klangs weit über die technische Herausforderung hinausgeht und neue Fantasiewelten erschliesst … Schon Vivaldi hatte den Weg bereitet, indem er aus dem Vogelgesang oder dem eisigen Hauch des Winters «Musik machte». Ja: Merkwürdige Klänge und seltene Töne enthalten Schätze verborgener Ausdruckskraft … Doch um aus jedem Ding Musik zu machen, muss man die Fantasie anstrengen – und die Finger trainieren. Denn die letzte Partitur dieses Konzerts gilt als der Everest der Violine. Hat vielleicht auch Paganini den Teufel gesehen, bevor er sein Capriccio Nr. 6 schrieb? Auf jeden Fall hat er dessen (Doppel-)Triller gesehen, die er so virtuos einsetzt, dass sich wie durch Magie zwei Melodien zu durchdringen scheinen. Obschon das Capriccio Nr. 9 wie eine Gigue daherkommt, klingt in ihm eine Hommage an den Meister der Vier Jahreszeiten an. Bei dieser Jagdpartie schreibt der Musiker dem Interpreten übrigens vor, «die Flöte nachzuahmen», und dann «die Hörner». Das Nr. 24 ist das berühmteste der Capricci: Sein Thema inspirierte Schumann, Liszt, Brahms und Rachmaninow … Ein Beweis für Paganinis zeitlose Modernität, auch wenn er diese «Etüden» nie in einem Konzert spielte, da er sie für zu technisch hielt und nur für Übungszwecke verwendete. Das war sein einziger Fehler in der Geschichte der Avantgarde.

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