Donnerstag, 6. Februar 2020

CHF 150 | 110 | 50 | 30.-

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Requiem en ré mineur K. 626

Sous le patronage de

Présentation de concert

Mozart: Requiem in d-Moll
Konnte Mozart die Französische Revolution überleben? Die Frage mag auf den ersten Blick absurd erscheinen, doch sie verdient, dass man darüber nachdenkt. Als der Virtuose im Dezember 1791 stirbt, also zwei Monate nach der Errichtung der konstitutionellen Monarchie, nimmt er eine Welt mit sich. Welche? Die Welt einer unwandelbaren, jedoch unbeweglichen Glückseligkeit. Tatsächlich enthält seine Musik die Anmut einer von Longhi gemalten Leçon de danse, das Spielerische von Chardins Bulle de savon oder die Leichtigkeit von Fragonards Schaukeln. Sie ist sogar ganz in einem Gemälde von Hackert aus dem Jahr 1791 verkörpert, auf dem Goethe das Kolosseum bewundert. Darauf sieht man zwei Männer von hinten, die auf eine jahrtausendealte Zivilisation zeigen. Ein Hauch von Ewigkeit liegt in der Luft. Die Landschaft ist in ein blasslila-orangenes Licht getaucht, wie es Mozarts Harmonien eigen ist. Abgesehen von den Arien, geht es nicht um eine strahlende Zukunft. Und auch um keine grossen Reden, oder um den Sturm auf die Bastille. Es geht um die Gegenwart. Um jene kreisende, sinnliche Tragödie, die das menschliche Schicksal darstellt; im Gegensatz zum Schicksal der Gesellschaften, die sich entwickeln. Mozarts Modernität ist intuitiv, nicht deklariert. Den revoltierenden Sansculottes zieht er reizvolle Demoiselles vor. Deshalb also gehört dieser Musiker dem 18. und Beethoven dem 19. Jahrhundert an: Letzterer verherrlicht die Grösse, Mozart hingegen das Glück. In diesem Sinne gedenkt sein Requiem weniger dem Tod eines Individuums als dem Tod einer Idee. Einer süssen Idee: derjenigen der höfischen Liebe – die dem Ernst der Nationen weicht. Einer gewiss unschuldigen, nicht aber naiven Idee. Von der Aufklärung (und der Freimaurerei) geprägt, ist bei Mozart das Vergnügen nie von der Metaphysik getrennt. Wenn auch einer gelassenen Metaphysik: «Da der Tod genau zu nehmen der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes», schreibt Mozart in einem Brief an seinen Vater. Freud wird ihm zwei Jahrhunderte später antworten: «Wir waren natürlich bereit zu vertreten, dass der Tod der notwendige Ausgang alles Lebens sei … In Wirklichkeit pflegen wir uns aber so zu benehmen, als ob es anders wäre … Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod … Im Unbewussten ist jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt.» Wenigstens bis zum achten Takt des Lacrimosa – bei dem Mozart während der ersten Probe in Tränen ausgebrochen sein soll. Das war zwei Tage vor seinem Tod: Er hatte plötzlich die Gewissheit, dass dies auch seine letzten Noten waren. Jeder kennt die Legende des Requiem, des letzten Werks des Meisters, das (zu zwei Dritteln) von einem Menschen geschrieben wurde, der sich mit dem Unabwendbaren auseinandersetzte – wenige Wochen, nachdem er den Schlusspunkt unter seine grandiose Oper Die Zauberflöte gesetzt hatte. Übereinstimmung der Zeiten oder tiefgründiges Symbol für die zwei Pole des Lebens? Mozart weiss jedenfalls, dass er sterben wird: Sein Körper ringt seit einem Jahr mit dem Tod. Da er zahlreiche Feinde hat, ist er überzeugt, man habe ihn mit Aqua Tofana vergiftet, einem langsam wirkenden Gift auf der Basis von Arsen. Doch ist dieses langsam wirkende Gift nicht das masslose Leben, welches das frühreife Kind bisher geführt hat, als wäre es ein Wettlauf gegen die Zeit? Zu Freuds Entlastung sei gesagt, dass die berühmteste Partitur des Musikers nicht für diesen selbst bestimmt war, sondern für die verstorbene Gemahlin eines prahlerischen Aristokraten mit der Manie, heimlich Konzerte in Auftrag zu geben, um dann seinen eigenen Namen darunterzusetzen … Natürlich triumphierte die historische Wahrheit mühelos, dank der wertvollen Aussage von Constanze Mozart; sie hatte den Auftrag, das Werk posthum von Schülern ihres Mannes fertigstellen zu lassen, der für manche Seiten nur die Gesangsstimmen, den Generalbass oder eine Melodie von ein paar Takten entworfen hatte… Im Übrigen wurden nur zwei Gebete wirklich zum Abschluss gebracht, eines davon das Introitus, das in der Musik etwa den gleichen Stellenwert einnimmt wie die Mona Lisa in der Malerei. Doch Mona Lisa hat ihr Lächeln verloren. Trotz des friedlichen Flusses der Streichinstrumente stellen sich Fagotte und Hörner der Vergessenheit entgegen. Bald fleht der Chor um seine Wahrheit, wobei sich in die Stimmen die verschiedensten Elemente mischen – vom Gemurmel der Theaterstücke bis zum Widerhall der Vorstädte, von den Ermahnungen des Vaters bis hin zur masslosen Liebe der Mutter … Im Laufe des Requiems schwankt man zwischen dem Entsetzen des «Es ist zu spät» und der Sakralisierung jeder Minute, jeder Sekunde, solange ein Herz schlägt. Sogar in der Verzweiflung ist noch Freude enthalten … Kant nennt es das Erhabene: die Unmöglichkeit, den Tod und das Schöne zu trennen. Das nennt man überdies Schicksal: 1827 sollte Constanze erklären, dass Mozart diesen Auftrag nur angenommen habe, um seine Schulden zu bezahlen, und also ohne (oder fast ohne) es zu wissen, sein unvollständiges Testament verfasste. Und ist es in der Tat nicht die Natur jedes Stars, auf der Bühne zu sterben und seine Geheimnisse der Nachwelt zu hinterlassen? Am 4. Dezember 1791 wird eine grobe Fassung der Partitur am Krankenbett des Musikers eingeweiht, der sie auf der Bratsche begleitet, einem Instrument, das er liebt – und zu dessen Bekanntheit er beitrug. Der 35-jährige Mann ist jedoch zu schwach, um den Bogen zu führen, und muss sich hinlegen; er wird nicht mehr aufstehen. Der «göttliche Mozart» stirbt um Mitternacht. Im Morgengrauen wird er zusammen mit sechzehn anderen Leichen in einem «allgemeinen einfachen Grab» beerdigt. Doch vergessen wir nicht, dass requiem Ruhe bedeutet, und nicht Auslöschen. Die Schüler des Meisters sollen aus Angst, ihn zu verraten, den Anfang des Werks am Schluss erneut aufgenommen haben; doch sie verbannten gleichwohl die Düsterkeit daraus. Lux aeterna! Malraux erklärte, der Tod verwandle das Leben in Schicksal. Das stimmt für fast alle. Ausser für einige Genies, deren Schicksal den Tod für immer in Leben verwandelt.

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